Es ist schlimm. Schlimmer, als ich es
mir je hätte vorstellen können. Ich
halte das nicht mehr aus. Ich bin so
müde, und dabei ist von meinem
sechsmonatigen Ausbildungsabschnitt
auf einer chirurgischen Station erst
eine Woche vorbei. Aber ich bin selbst
schuld – ich hatte ja als Berufswunsch
"Medizin" angegeben. Hätte ich doch
bloß "Medien" angekreuzt!
Nach sechs Jahren Studium, in denen
ich nie eine Nacht durcharbeiten, nie
eine Entscheidung treffen und nie eine
Schmerztablette verordnen musste, bin
ich jetzt Arzt. Und ich habe Angst.
In unserer Klinik arbeiteten zwei
Chirurgen-Teams, bestehend aus jeweils
zwei Consultants (in etwa die
Entsprechung des Chefarztes), einem
Registrar (im vorliegenden Fall eine
Frau, in Deutschland die Oberärztin),
einem Senior House Officer (entspricht
einem Assistenzarzt) und zwei
Junior House Officers, das sind wir
Jungärzte (noch im Praktikum). So ein
Team nennt sich „firm“, also eine
Firma, auch wenn es in dieser „Firma“
offensichtlich Spannungen gab. Man
sah nämlich mit einem Blick, dass der
Assistenzarzt und die Oberärztin nicht
miteinander auskamen. Noch deutlicher
sah man, dass auch die beiden
Chefärzte und die Oberärztin nicht
miteinander konnten.
Meine Kollegin Supriya und ich
wurden dem Team von Mr. Butterworth
und Mr. Price zugeteilt. Wenigstens
bekam ich nicht Mr. Grant,
der in dem Ruf steht, ein wahres Ekelpaket
zu sein. Den bekam Ruby, mit
der ich die Wohnung teile. Diesmal
hatte sie den Kürzeren gezogen. Nach
dem Medizinstudium mit Ruby, die es
immer irgendwie schaffte, auf die Füße
zu fallen, fragte ich mich, wie sie das
wohl wieder hinkriegen würde.
Und tatsächlich: Wie Manna vom
Himmel erschien ihr zweiter Chefarzt,
und sämtliche weiblichen Wesen auf
der Station verdrehten die Hälse. Krankenschwestern
sanken in Ohnmacht.
Er schien der Frauentraum zu sein.
"Hallo, Sie müssen die neue Praktikantin
sein", sagte er, wobei er ihr mit
einem Auge zuzwinkerte und affig seinen
schwarzen Haarschopf zurückwarf. Er betrachtete Ruby von oben
bis unten. "Bin den ersten Tag aus dem
Skiurlaub zurück. Gibt nichts Schöneres,
als mit Skiern über jungfräulichen
Neuschnee zu gleiten."
Ich wandte mich angewidert ab, als
Ruby wimpernklimpernd murmelte:
"So gut wie Sie bin ich sicher nicht",
worauf ihr der Frauentraum noch einmal
zuzwinkerte, bevor er entschwebte.
Wie ich Chirurgen hasste!
Die beiden Chefärzte entschwanden
mit Daniel, dem pausbäckigen Assistenzarzt,
und überließen es Sue, der
Oberärztin, uns zu erklären, was wir
zu tun hätten. Die Frau war ein Eisberg.
Gerüchten zufolge hatte sie einmal
Tierärztin werden wollen, aber die
Prüfungen nicht geschafft. Ihre Liebe
zum Vieh erstreckte sich offenbar nicht
auf Jungärzte. "Ich bin nicht Ihr Freund,
ich bin Ihre Oberärztin. Wenn Sie mir
keinen Ärger machen, mache ich Ihnen
auch keinen", begann sie.
Das konnte ja heiter werden.
Als wir zu unserer ersten Visite antraten,
stellten wir fest, dass Sue schon
halb durch war. Keine freundliche Begrüßung.
Supriya taufte sie Trauerkloß,
weil sie offenbar
zum Lachen in den Keller
ging. Den ganzen
Nachmittag liefen wir
wie Angehörige eines
verirrten Stammes umher
und stolperten ständig
über andere Jungärzte.
Wie meldet man
eine Röntgenaufnahme
an? Wie kommt man
mit einem Beschäftigungstherapeuten
in
Kontakt? Was macht
der überhaupt? Es war
einfach niemand da,
den man fragen konnte.
Die Pflegerinnen und
Pfleger, die das wohl alles
schon kannten, nahmen unsere Unwissenheit
gelassen hin und sagten uns
einfach, was wir tun sollten: Unterschreiben
Sie das hier. Können Sie sich
diesen Patienten noch mal ansehen?
Dieser OP-Termin ist noch zu klären.
Es war alles zu viel. Ich ging ins Ärztezimmer
und schloss die Tür. Ruby
kam hinter dem Aktenschrank hervor.
"Patienten, Pfleger, Ärzte – die lassen
einen wohl nie zur Ruhe kommen,
wie?", meinte sie. Ein paar Minuten
später kam Supriya hereingestürzt.
"Wenn mir jetzt noch mal einer eine
Frage stellt, auf die ich seiner Meinung
nach eine Antwort weiß, schreie ich."
"Ich weiß, wie dir zumute ist", antwortete
Ruby, "aber hier drinnen sind
wir wohl für kurze Zeit sicher." Da
piepste ihr Funkrufempfänger.
Man nennt das Ding liebevoll "Piepser",
weil es von frühmorgens bis spätabends
– und dann noch
die ganze Nacht lang –
nichts anderes tut als
piepsen. Damit symbolisiert
es die Angst vor
dem Unbekannten. Man
wählt die im Display angezeigte Nummer,
ohne zu ahnen, welche Antwort
nun wieder von einem
erwartet wird. Es
ist wie in manchen
Quizsendungen, nur
ohne Aussicht auf Gewinne.
Am Ende eines Monats
hatte ich keine Toten
zu beklagen. Allerdings
hatte ich auch
keine Patienten im Stil heldenhafter
TV-Ärzte gerettet.
Mrs. Sherridan ist mit unbestimmten
Leibschmerzen zu uns gekommen,
und wir können nicht sagen, was ihr
fehlt. Ohne ein einleitendes Wort zieht
Mr. Butterworth, der keinerlei Umgangsformen
hat, das Laken von ihrem
Bett und betrachtet ihren entblößten
Leib, während ich verzweifelt
versuche, die Vorhänge um sie herum
zuzuziehen, und zugleich mit dem Aktenwagen
kämpfe. Er drückt auf dem
Bauch herum und brummt: "Endoskopie
ohne Befund. Entlassen." Und
schon ist er unterwegs zum nächsten
Bett. Ich werfe Mrs. Sherridan ein
abbittendes Lächeln zu und eile ihm
nach.
Ein paar Stunden später bittet mich
eine der Schwestern auf die Station.
"Mrs. Sherridan möchte gern mit einem
Arzt sprechen." Als ich hinkomme,
ist sie den Tränen nah. Sie ist
nicht die Einzige. "Ich weiß nicht, was
los ist, Herr Doktor", sagt sie. "Was hat
der Chefarzt gesagt?Was fehlt mir?"
Ich antworte ihr nicht, dass ihre eigenen Mutmaßungen
so viel wert sind
wie meine, und verstecke mich hinter
dem Freund des Arztes: Fachchinesisch.
"Mrs. Sherridan, wir haben wirklich
alles untersucht und nichts gefunden.
Daraus schließen wir, dass Sie
eine virale Gastroenteritis hatten, die
Ihr Körper besiegt hat, während Sie
sich hier im Krankenhaus ausruhen
konnten, also dürfen Sie jetzt beruhigt
nach Hause gehen", erkläre ich ihr. Ich
lasse noch ein paar medizinisch klingende
Ausdrücke für "viel Glück" fallen
und gebe die Empfehlungen zum
Obst- und Gemüseverzehr an sie weiter,
die ich beim Frühstücksfernsehen
aufgeschnappt habe.
"Vielen Dank, Herr Doktor." Ich
gehe und lasse sie ihre Sachen packen.
Wieder eine zufriedene Patientin.
"Das ist Ihre letzte Chance",
warnt mich Mrs. Miles. Ich schwitze, meine
Hände flattern. Es ist drei Uhr morgens,
und wir würden beide gern etwas
schlafen, aber vorher muss ich ihr
noch eine Kanüle in den Arm setzen.
Für alle Glücklichen, die so etwas noch
nie erleben mussten: Es handelt sich
um eine dünne Hohlnadel, die in eine
Vene gestochen wird, damit Flüssigkeiten
oder Medikamente direkt ins
Blut gelangen können. So weit die
Theorie. Die Schwierigkeit ist, das
Ding überhaupt in die Vene einzuführen.
Ich stochere seit 20 Minuten in
Mrs. Miles’ Rollvenen herum.
"Gibt’s hier sonst niemanden, der
das machen könnte?", fragt sie zum
viertenMal, und weiter, flüsternd: "Einen
vielleicht, der sein Handwerk versteht?"
Endlich klappt es, und eigentlich
bin ich recht zufrieden mit mir.
Zwei Tage später wird sie, von ihrer
Pankreatitis geheilt, von Mr. Butterworth
entlassen, der plötzlich losdröhnt:
"Sind Sie Alkoholikerin?"
"Wie bitte?", faucht sie.
Er ignoriert sie. "Wahrscheinlich
Gallensteine. Was sagt der Ultraschall?",
fährt er fort, wobei er den
Trauerkloß, die Oberärztin, ansieht,
die den Assistenzarzt ansieht, der Supriya
und mich ansieht. "Äh", antworten
wir im Chor und eilen, den Befund
herbeizuschaffen. Aber da ist Mr.
Butterworth schon weitergegangen.
Nach der Visite winkt Mrs. Miles
mich zu sich. Ich bin gerührt. Offenbar
ist sie eine dankbare Seele. "Ich möchte
Ihnen etwas zeigen", sagt sie. Ich
nehme an, dass es ein Brief an die Königin
ist, in dem sie meine Erhebung
in den Adelsstand vorschlägt, und
denke mir insgeheim schon eine Antwort
aus: "Nicht doch. Mein schönster
Dank sind die Gesichter meiner
Patienten, wenn sie wieder wohlauf
sind." Sie krempelt den Ärmel hoch.
"Sehen Sie her. Das ist Ihr Werk! Sie
haben mir das angetan!", schreit sie,
während sie auf den großen purpurroten
Bluterguss deutet, der sich an
ihrem Unterarm breit macht. "Sie sind
mir ein schöner Arzt!"
Die Gerüchte, die ich über Ruby und
den Frauentraumgehört hatte, mussten
wahr sein. Eben hatte er ihr einen Klaps
auf den Po gegeben. Ich stand am anderen
Ende der Station und wollte
nicht glauben, was ich gesehen hatte.
Es war ja eigentlich weniger ein Klaps
als so ein ausgedehntes Tätscheln, das
nur in einem kleinen Klaps endete.
Und Ruby lächelte ihn an, während sie
über den Korridor tänzelte. Worauf
hatte sie sich da nur eingelassen? Ahnen
konnte man es ja schon: Sie legte
neuerdings Lippenstift auf, und nun
hatte sie sich auch noch die Haare
blond gefärbt. Sollte ich sie warnen?
Ihr sagen, dass er nichts taugte? Eine
seiner Sekretärinnen hatte mir erzählt,
dass er es mit jeder halbwegs ansehnlichen
Jungärztin so machte, bis es ihm
irgendwann langweilig wurde.
Mr. Fisher kommt vor Schmerzen
brüllend in die Notaufnahme. Er hat
einen Klumpen in der Achselhöhle,
dick, heiß und rot. "Das Ding bringt
mich um, Doktor! Ich glaube, ich sterbe!"
So reagieren junge Männer, wenn
sie mal was haben. Ich will ihm einen
Platz in der chirurgischen Ambulanz
organisieren, damit man ihm den Furunkel
dort aufschneidet, aber es ist
nichts frei. Während ich es dem Trauerkloß
mitteile, mache ich mich bereit,
in Deckung zu gehen, falls sie das
mir in die Schuhe zu schieben geruht.
"Das können Sie hiermachen", sagt
sie, ohne hochzublicken.
"Entschuldigung, wer soll das hier
machen?", frage ich in der Annahme,
mich verhört zu haben.
"Sie."
Ich schlucke. "Aber
ich habe das noch nie
gemacht", wende ich,
von Panik ergriffen, ein.
Dieses Gefühl des
Grauens, das mir schon
so vertraut geworden
ist, packt mich wieder.
"Gut, ich assistiere
Ihnen. Es wird doch
Zeit, dass Sie praktische
Erfahrung in der Chirurgie
sammeln." Sie lächelt!
Ich halte mich an
einem neben mir stehenden
Herzmonitor
fest, um nicht vor
Schreck in Ohnmacht zu fallen.
Während der nächsten Viertelstunde
steht der Trauerkloß hinter
mir, leitet mich an und spricht mir Mut
zu, während ich den Einschnitt mache.
Es ist ekelhaft, aber es gibt andererseits
nichts Befriedigenderes, als
einen Furunkel aufzuschneiden.
Nach Tee und Keksen steht der
Mann auf, bedankt sich bei mir und
geht. Es gibt Momente, da liebe ich diesen
Beruf. Und es gibt Momente, da
kann ich sogar den Trauerkloß leiden.
Gute Planung gehört zu den Dingen,
die Leute auf ihren Bewerbungsformularen
unter "Stärken" ankreuzen. Jeden Morgen
plante ich meine Zeit mit
militärischer Präzision, aber dann ging
der ganze Plan in die Binsen, wenn im
Lauf des Tages immer mehr Dringliches
auftauchte, was noch zu erledigen
war, bevor ich gehen
konnte. Erschwert
wurde dieses Problem
dadurch, dass in einem
Krankenhaus, obwohl
Zeit dort so kostbar ist,
alles doppelt so lange
dauert, wie es sollte.
Formulare mussten in
dreifacher Ausfertigung
ausgefüllt werden,
Röntgenaufnahmen gingen
verloren, Patienten
kamen zu spät.
Ich bin den ganzen
Tag auf den Beinen gewesen,
als eine Pflegerin
mich bittet, nach
Mrs. Feathers zu sehen.
Sie soll entlassen werden, hat aber
noch ein paar Fragen. Ich stöhne. Ich
werde auch so schon Überstunden machen
und muss mir jetzt in Erinnerung
rufen, dass ich Arzt geworden bin, um
Menschen zu helfen, nicht, um den
ganzen Tag Formulare auszufüllen.
Ich trete an Mrs. Feathers’ Bett. Ihr
wurde wegen Krebs die linke Brust
amputiert. "Der Chefarzt schien mit
der Rekonstruktion ja recht zufrieden
zu sein, aber …" Ihre Stimme versagt.
Ich ziehe die Vorhänge um ihr Bett zu
und setze mich. "Es geht um meinen
Mann", fährt sie fort. "Es tut mir leid,
dass ich Ihnen mit so etwas die Zeit
stehle, aber – es ist einfach so, er kann
sich das nicht ansehen." Ich spüre einen Kloß im Hals.
"Würden Sie einmal
mit ihm reden, Doktor?"
Wenig später trifft Mr. Feathers ein,
und ich schlage ihm vor, mit mir auf
ein Tässchen Tee in die Cafeteria zu
gehen. Wie ich ihm dort gegenübersitze,
kann ich nichts tun, was die Zeit
zurückdrehen würde. Und ich weiß,
dass er das weiß. Was er braucht, ist
jemand, der ein paar Minuten Zeit für
ihn hat. Auch wenn die Operation erfolgreich
gewesen war, für Mr. Feathers
sind die Narben eine Erinnerung
daran, dass seine Frau Krebs hatte,
dass sie fast daran gestorben wäre und
er nicht die Macht hatte, sie zu retten.
Das bedeutet für ihn, dass nichts wieder
so sein wird wie früher.
Als wir unser Gespräch beenden,
sollte ich längst schon auf dem Heimweg
sein. Aber mit Mr. Feathers zu reden
ist viel wichtiger gewesen als das
Ausfüllen von Formularen. Während
er bei den Pflegern die Schmerztabletten
für seine Frau abholt, verabschiede
ich mich von Mrs. Feathers.
"Danke, Herr Doktor. Es hat ihm gut getan,
mit Ihnen zu reden, das weiß
ich. Es wird sich alles wieder einrenken,
aber so etwas braucht Zeit", sagt
sie. Ich nicke und gehe fort, um meine
restlichen Arbeiten zu erledigen, bevor
ich endlich heimgehen kann.
Anders als Ruby und Supriya hatte
ich nicht die Absicht, Chirurg zu werden.
Man muss ein bestimmter Typ
sein, um es in der Chirurgie zu etwas
zu bringen: In dieser Welt gibt es immer
nur zwei Möglichkeiten – schneiden
oder nicht schneiden. Dass Mr.
Butterworth ein guter Chirurg war, lag
genau daran, dass er sich nicht gut auf
den Umgang mit Menschen verstand.
Er sah Knoten und Schwellungen,
keine Persönlichkeiten. Er besaß die
unerschütterliche Fähigkeit, ruhig zu
bleiben, alles Chaos ringsum zu ignorieren
und seine volle Aufmerksamkeit
seiner Aufgabe zu widmen.
Es ist mein vorletzter Tag auf der
Chirurgie, bevor der nächste
Halbjahresabschnitt meiner
Ausbildung beginnt.
Nach der Visite nimmt mich der
Trauerkloß beiseite. "Sie sollten noch
eine richtige Operation mitmachen.
Ich habe Mr. Butterworth gesagt, dass
Sie ihm heute assistieren werden."
Ich versuche zu widersprechen, aber
da ist sie schon weg. Zwei Stunden
später stehe ich im OP, und der
Schweiß rinnt mir von der Stirn. Ich
blicke auf meine ausgestreckten Arme
hinab, während Mr. Butterworth irgendjemandes
Innereien auf ihnen ablegt.
"Stillhalten!", donnert er, während
ich mich verzweifelt bemühe,
nichts auf den Boden fallen zu lassen.
Ich bin in der Zwickmühle. Und außerdem
vollkommen versteinert. Ich
möchte in Ohnmacht fallen, aber es
ist nicht nur Stolz, der das nicht zulässt
– es ist die Vorstellung, dabei unter
ein paar Meter Gedärm zu geraten.
Meine Arme beginnen zu schmerzen.
Jetzt tun mir auch die Schultern
weh. Und dann geschieht, Stückchen
für Stückchen, das Undenkbare.
Meine Chirurgentracht rutscht mir
von den Hüften. Ich fühle, wie meine
Hose sich allmählich von mir verabschiedet.
Ich spreize meine Beine ein
wenig, damit sie knapp unter meinen
Hüften hängen bleibt. Aber schon
rutscht sie wieder ein Stückchen.
"Zappeln Sie nicht so herum", knurrt
Mr. Butterworth, ohne aufzusehen, die
Hand tief in der Bauchhöhle des Patienten.
Ich zucke zusammen. Die Innereien
bewegen sich, einem Knäuel
rosafarbener Riesenwürmer gleich,
langsam auf meinen Armen. Ich spreize
die Beine noch etwas und verharre
so schwitzend eine Stunde. Ich werde
nie Chirurg werden. Mr. Butterworth
hätte an meiner Stelle die Hose einfach
hinunterrutschen lassen. Wahrscheinlich
hätte er es nicht einmal gemerkt.
Das nenne ich Konzentration.
Mein nächster Ausbildungsabschnitt
war aufgeteilt zwischen Kardiologie
und Betreuung älterer Menschen, wie
es jetzt politisch korrekt anstelle von
Geriatrie heißt. Ruby war auf der Leberstation.
"Nichts als Säufer", klagte
sie. "Ich weiß, dass man das nicht sagen
soll, aber muss man 15 Jahre lang
täglich zehn Dosen Starkbier trinken?"
Als Arzt bekommt man viele Krankheiten
zu sehen, die auf ungünstige
Umstände oder einfach Pech zurückzuführen
sind. Niemand möchte freiwillig
Krebs oder Parkinson oder eine
Blinddarmentzündung bekommen.
Aber es gibt Krankheiten, bei denen
man die Schuld leichter zuordnen kann,
und alkoholbedingte Leberleiden gehören
dazu. Einige von Rubys Patienten
waren so abhängig, dass sie die alkoholgetränkten
Desinfektionstupfer
auslutschten.
Man mag von Ärzten zu Recht verlangen,
bei der Behandlung von Patienten
neutral zu bleiben, aber manche medizinischen
Entscheidungen haben
moralische Aspekte. Wer soll die
Spenderleber erhalten? Die Mutter, die
sich schuldlos eine Hepatitis zugezogen
hat, der Ex-Drogenabhängige, der
sie sich durch eine verunreinigte Nadel
geholt hat, oder der Alkoholiker,
der vielleicht trocken bleiben wird?
"Einer der Vorteile, die man als
Jungärztin hat, ist der, dass man solche
Entscheidungen nicht treffen muss",
sagte Ruby, unmittelbar bevor ihr Piepser
ertönte. Die Leberstation teilte ihr
mit, dass ein Patient sich alle Schläuche
gezogen hatte und entlassen werden
wollte, um in den Pub zu gehen.
Als wir eines Mittags in der Cafeteria
in der Schlange vor der Kasse
standen, sah Ruby den Frauentraum
mit ein paar Krankenschwestern an
einem Tisch sitzen, also nahm sie ihr
Tablett und ging hin. Gerade wollte
sie Platz nehmen, da erhob er sich zum
Gehen, warf ihr noch ein beiläufiges
Lächeln zu und entfernte sich.
Ruby errötete, setzte sich dann zu
mir, und wir verloren kein Wort über
den Vorfall. Während wir über unsere
neuen Praktika sprachen, warf Ruby
plötzlich ein: "Du glaubst doch nicht,
dass er sich meiner schämt, oder?"
"Nein, das glaube ich nicht", sagte
ich wahrheitsgemäß. Ich vermutete,
dass er sie einfach satt hatte. Schämen
sollte er sich wohl – aber für sich selbst.
Im Lauf der Woche erfuhr ich, dass
er verheiratet war. Ich raffte allen Mut
zusammen und sagte es Ruby, die mich
nur auslachte. "Damit du es weißt: Er
hat mir gesagt, dass er verheiratet ist.
Und er wird sich scheiden lassen. Alles
klar? Dann wäre ich dir dankbar,
wenn du dich um deine eigenen Angelegenheiten
kümmern würdest." Das
Klima zwischen uns wurde frostig.
Einmal musste es passieren. Ich
hatte Bereitschaft und machte einen
großen Fehler. Ich übersah eine Lungenembolie
– ein Blutgerinnsel in der
Lunge –, einen normalen, aber oft tödlichen
medizinischen Notfall. Aufgrund
meines Versagens war das Leben
einer Frau bedroht. Ich ging nach
Hause und setzte mich, den Tränen
nah, mit bebenden Händen in die Küche.
Wenn ich das nächste Mal einen
Fehler machte, würde womöglich jemand
sterben. Konnte ich mit solchem
Wissen diesen Beruf weiter ausüben?
Wie durch ein Wunder bot sich mir
ein Ausweg. Jemand hatte meinen Namen
an einen Management-Berater
namens Simon weitergegeben, der
meinte, ich könne als Kollege von ihm
Karriere machen. Ich würde dann in
der gesundheitsdienstlichen Abteilung
eines Unternehmens arbeiten und den
Staatlichen Gesundheitsdienst (NHS)
beraten, wie er Geld sparen könne.
Er bot mir ein Spesenkonto, eine
Kreditkarte und einen Dienstwagen –
und ein Leben am Schreibtisch. Mir
kamen Zweifel an meinen Zweifeln.
Ich hatte ein Vorstellungsgespräch
in dem Krankenhaus, in dem ich mich
um Arbeit in der Psychiatrie beworben
hatte. Man bot mir eine Stelle an.
Ich akzeptierte.
Ruby hatte ihren Ausbildungsplatz
in einer orthopädischen Klinik in London
bekommen, und wir feierten in
unserer Lieblingsbar. Plötzlich wurde
Ruby ganz still und schaute starr zum
Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick
und sah eine Frau von Ende Dreißig
mit langem, zurückgekämmtem Haar.
Ein Mann strich ihr mit der Hand über
den Bauch und küsste sie in den Nacken.
Worauf der Frauentraum seiner
hochschwangeren Gattin ins Auto half
und losfuhr. Ruby weinte. "Er hat mich
zum Narren gehalten. Ich war nur eine
neue Kerbe in seinem Bettpfosten, und
alle außer mir haben es gewusst."
Obschon wir in unserem Berufsalltag
schreckliche Dinge zu sehen bekommen
und für unser Los dankbar
sein sollten, tun unsere eigenen kleinen
Tragödien doch weh.
In den letzten acht Wochen meines
Jungarzt-Daseins hatte ich auch
Dienst auf der Notfallstation. Dorthin
kamen von der Notaufnahme alle Patienten,
die weiterer Behandlung oder
Beobachtung bedurften. Für unsereinen
war das die Hölle. All die Dinge,
die man als Student nicht so richtig
kapiert hatte, holten einen spätestens
hier wieder ein. Und das Arbeitstempo
war zehnmal schneller als auf anderen
Stationen.
Es ist zwei Uhr nachts. Mrs. Doyles
Beine stellen mich vor ein Rätsel. Auf
ihrem Krankenblatt steht nur: "Schmerzen
und Ausschlag an den Beinen." Leider
haben wir im Studium die Beine
zwei Wochen vor Weihnachten durchgenommen,
als ich Einkäufe machte
und auf Partys ging. Beim Thema Dermatologie
war es ähnlich.
Mrs. Doyle behauptet, ein Medium
zu sein, und teilt mir mit: "Schon sehr
bald wird Ihr Leben sich ändern."
"Schlafen inbegriffen?", frage ich.
Ich weiß nicht, was mit ihren Beinen
ist, aber ich konnte alles Lebensbedrohliche
ausschließen. Am nächsten
Morgen betrachtet der Chefarzt Mrs.
Doyles Beine und dröhnt: "Ah, ein
klassischer Fall."
Jetzt wird man also meine Unwissenheit
durchschauen. "Ja, äh... nicht
wahr?", stammle ich.
Mrs. Doyle rettet mich. "Phlebitis",
sagt sie. "So haben Sie es doch heute
Nacht genannt, nicht wahr?", fährt sie
mit einem Augenzwinkern in meine
Richtung fort. Ich habe nichts dergleichen
gesagt und werde verlegen.
"Ah, sehr gut, genau das habe ich
auch gerade gedacht", behauptet der
Chefarzt. Die Frau hat wirklich übersinnliche
Kräfte. Ich schaudere. Aber
dann flüstert Mrs. Doyle mir zu:
"Meine Schwester ist Allgemeinärztin.
Die habe ich heute früh angerufen,
und sie hat gesagt, dass es Phlebitis
ist. Unser kleines Geheimnis, ja?"
Nach der Visite will ich noch einmal
zu Mrs. Doyle gehen und ihr sagen,
wie dankbar ich ihr für ihre Hilfe
bin, aber da ist sie schon fort. Und
doch bin ich sicher, dass sie es weiß.
Ich habe die Szene in der Cafeteria
nicht selbst gesehen, mir aber von zuverlässigen
Personen darüber berichten
lassen. Ruby kam zufällig in der
Schlange gleich neben den Frauentraum
zu stehen. Er fragte sie, warum
sie seine Anrufe nicht erwidere, worauf
ihn Ruby über unsere Entdeckung
aufklärte. Er versuchte zu leugnen.
Peinlich berührt ob dieser Bloßstellung
an so einem öffentlichen Ort,
wandte er sich an die Kassiererin und
sagte etwas über Ruby und Hormone.
In dem Moment bekam Ruby eine extra
große Portion Auberginenauflauf
gereicht. Den Zeugen zufolge stürmte
daraufhin der Frauentraum, gedemütigt
und mit Auberginenauflauf verziert,
laut fluchend aus der Cafeteria.
Mein Praktikantenjahr ging zu
Ende. Ich hatte noch nie so schwer gearbeitet
und war mit so wenig Schlaf
ausgekommen. Aber es war auch wunderbar.
Ich habe Menschen in ihren
intimsten, persönlichsten Momenten
erlebt. Ich habe Menschen die Hand
gehalten, während sie starben, und
manche Tragödie mit angesehen, und
doch habe ich von da die glücklichsten
Erinnerungen mitgenommen, die
ein Mensch sich nur erhoffen kann.
Ach ja, und Kanülen setzen kann ich
jetzt auch.
Ich schloss noch die Übergabeberichte
für die Ärzte ab, die am nächsten Morgen
ihren Dienst antraten, und
legte meinen Piepser auf den Schreibtisch.
Ruby kam herein und fragte:
"Bist du bald fertig?"
Wir verließen die Station und gingen
durch die Notaufnahme. In einer
der Nischen erbrach sich jemand, und
es kam uns seltsam vor, dass es uns
nichts mehr anging.
Bei der Bushaltestelle angekommen,
sahen wir uns an und lächelten. Kaum
zu glauben, aber es war schon vorbei.